Fasnacht in Bern

Zeitliches Design: sich mal als Schmetterling fühlen können 😉 (Bild: P.Wurz)

Wir alle wissen, was es für ein Genuss sein kann, wenn die Gesetze der Schwerkraft in einer Stadt für eine Weile ausser Kraft gesetzt sind. Dafür haben viele Städte spezifische Formate gefunden und kultiviert: In Basel ist es die Fasnacht, drei Tage und drei Nächte, in denen die Stadt und deren Eigenlogik Kopf stehen; in Bern ist es das Buskers Festival, das mit viel, viel unkonventioneller Musik gepaar mit gutem Essen aufwartet; in Luzern ist es das Blue Balls Festival, auch dieses für Affecionados vor allem von Jazz und Pop.

Als Stadtbewohner*in kommt man sich dann jeweils so vor, als könne man wie im alten Schweizer Film von Yves Yersin „Les petites fugues“ abheben. Oder zumindest einen Ausflug in eine andere Statdt machen, weil wir unsere Stadt zeitlimitiert neu erleben. Es gibt auch viele spontane Anlässe, die wie „pop-up-Stores“ eine temporär beschränkte Zwischennutzung ansteuern: für Events, für Strassenfeste, für Marktstände von Kunsthandwerker*innen oder für Ausstellungen.

Eine befristete Ausstellung, die ich in bester Erinnerung habe, liegt unendlich viele Jahre zurück. Sie fand Anfang der 80er-Jahre im Matthäusquartier im Kleinbasel statt. Damals wurde ein grosses Industrieareal der Patent Ochsner zertrümmert und geschleift. In den Ruinen fand für einige Wochen Kunst statt. So konnte etwa der Berner Künstler Bernhard Luginbühl hemmungslos mit einer Dampfwalze über eine Ladung altes Gemüse fahren (wenn ich mich richtig erinnere) und damit ein ebenfalls zeitlich befristetes Kunstwerk schaffen. Oder es gab damals einen Künstler, der in kindlicher „Schnürlischrift“ an einen Mauerrest schrieb.

„Ich muss die Wahrheit sagen . und um anzufangen – meine Angst indifferent zu lassen – mein Wunsch zu gefallen – meine Beklemmung mich zu wiederholen – meine Scham zu tun wie alle (…)“

Ich fand das einfach nur toll…

In einem Artikel der New York Times berichtete diese Woche eine Designerin und Designforscherin, wie „temporal design“, dieses zeitlich begrenzte Design in amerikanischen Städten während Corona vermehrt eingesetzt wurde. Es sei eine unterschätzte, einfache und kostengünstige Form des Designs. Für die Corona-geplagte Stadt New York war es zeitweise sogar ein Rettungsanker. Etwa in jenen Phasen, wo man in den Restaurants (noch) nicht dinnieren konnte. Dafür wurde draussen grosszügig auf die Strasse gestuhlt. Sie verwandelten sich in Bars, Diners oder gehobene Restaurants. Der öffentliche Raum wurde nicht nur den Gesetzen der Schwerkraft des Verkehrs und seiner Abgase entzogen, sondern die soziale Dimension des Menschseins in Zeiten des social distancing zelebriert.

Sara Hendren beschreibt in ihrem Artikel auch ein Beispiel, das nicht direkt mit Konsum zu tun hat. Einer initiativen Frau gelang es, den Memorial Drive entlang des Charles River in Cambridge Massachusetts an Sonntagen jeweils abriegeln zu lassen – wohlgemerkt eine vierspurige Autostrasse, die damit für Skateboarder*innen, Velofahrer*innen, Rollstühle oder Spaziergänger*innen frei wurde. An den Wochenenden wird der Memorial Drive zeitlich befristet zum Park. Diese Frau war auf dem Land aufgewachsen und wollte einfach mal wieder – nicht im Rhythmus eines vorbeifahrenden Wagens – den Fluss und die Natur entlang seines Ufers geniessen können. Sie hatte einige hundert Postkarten an Bekannte und Nachbar*innen geschickt und zusammen hatten sie den Memorial Drive als temporären Riverdrive Bend Park reklamiert. – Die Motivation für die Umsetzung eines zeitlichen Designs war für einmal nicht Kunst, Kultur und Kulinarik, sondern purer Naturgenuss.

Solche Umgestaltungen auf Zeit benötigen nicht viel mehr als Verkehrsregelung und Absperrungen. Sie sind für die Behörden und die Politik relativ harmlose Bürger*innen-Initiativen. Er wird ja nicht radikaler Wandel verlangt. Und trotzdem macht es Appetit auf mehr, wenn man erst mal auf den Geschmack gekommen ist. Oder? Ich persönlich sehne mich bereits nach jenen Sonntagen während des ersten Lockdown zurück, als ich im Garten sitzen konnte – ohne Motorengeräusche und aufheulende Töffs im Hintergrund.

Man stelle sich also vor, man könnte eine Strasse, mehrere Strassen oder gar einen ganzen Stadtteil temporär abriegeln, einfach nur, weil eine alte Baumallee Attraktion genug ist, um am Sonntag dort verkehrsfrei zu promenieren. Oder weil man in einer Strasse ein Urban Gardening Projekt durchführen und einen Gemeinschaftsgarten anlegen möchte – für alle Bevölkerungsgruppen. Oder wenn man ganz ohne Grund die Stadt für sich alleine haben, um in der Mitte der Strasse zu gehen und sich den „sound scape“ der Natur anhören zu können. Im Sommer würde man mal richtig hinhören, wenn die Alpen- und Mauersegler mit ihrem Geträller über unseren Köpfen vorbei rasen. Es wäre ruhig genug, sie zu bemerken, bevor sie wieder aus dem Blick verschwunden sind. Wäre dies nicht schön? Nur zeitlich begrenzt natürlich ;).

Episode 9: Alpen- und Mauersegler. Ein Leben in der Luft

 

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