Farn in Wald bei Giessbach (C. Acklin)

Farn in Wald bei Giessbach (C. Acklin)

Was sind die Kontexte, in die die Klimakrise und der Verlust der Artenvielfalt „hineinplatzen“? Eine seltsame Frage? Es ist ja nicht so, als könnten wir diesbezüglich überrascht tun. Die Klimakrise ist kein „black swan“, der plötzlich aus dem Nichts auftaucht; sie hat sich jahrzehntelang angekündigt. Aber weshalb reagieren wir nur sehr langsam darauf? – Wie kann man die Kontexte für den Klimawandel und den Verlust der Artenvielfalt beschreiben? Was hat bisher verhindert, dass wir entschiedener und umfassender auf die Krise reagieren? (Siehe dazu auch diesen Beitrag.) Hier sind Hypothesen zu den Kontexten für den Klimawandel und den Schwund der Artenvielfalt:

  1. Komplexität und Unsicherheit sind überwältigend

Heute leben wir in den (postnormalen) Zeiten einer großen Transformation, die eine ebenso große Komplexität und Unsicherheit mit sich bringt. Diese Transformation (oder eher auch Disruption) wird durch das bevorstehende Maschinenzeitalter, durch die Zunahme von Einkommensungleichheit, die Überbevölkerung, Migration und viele andere so genannte Große Herausforderungen der Menschheit verursacht.

Wir alle wissen oder verspüren, dass die Zeiten leistungsorientierter Systeme, in dem jeder und jede gewinnen kann, wenn er oder sie sich nur darauf einstellt, vorbei sind. Die Zerrüttung der Meritokratie wird ausserdem überschattet von systemischen Formen der sozialen Selektivität des Bildungssystems, von regionalen Disparitäten und Agglomerationen oder von einer zunehmend monopolistischen GAFAM-Wirtschaft. Während sich vieles davon versteckt abspielt – wenn beispielsweise Gruppen im Vergleich zu anderen langsam aber stetig ökonomisch verlieren -, wird jedoch eine Verschiebung der „baseline“ (der Grundlinie) erlebbar. Dort, wo wir in den sozialen Medien, in Klassenzimmern oder im politischen Leben miteinander interagieren. Unser neues Zeitalter ist wurde als “Anthropozän” bezeichnet, als ein Zeit, in dem der Mensch die Ursache für Veränderungen der Biosphäre ist. Das Konzepts der sich verschiebenden „baselines“ wurzelt sogar in einer falschen Wahrnehmung der Natur. In dieser komplexen und unsicheren Situation ist der Klimawandel nur ein weiteres “Problem”, das es zu bewältigen gilt. Oder schlimmer noch: Es geht eine so große Bedrohung von ihm aus, dass es zu “Öko-Angst” und Verleugnung führt.

2.  Wissenschaftliche Informationen und Kenntnisse reichen nicht aus

Während Informationen über die Beschaffenheit eines bestimmten “Ortes” oder eines Ökosystems in Unmengen vorhanden und leicht zugänglich sind, haben sie oft den Status von Schulbuchwissen, wie es in der Schule dargereicht wird. Die Information ist nicht mit Erfahrung verbunden. Sie hat damit zwangsläufig eine abstrakte Qualität. Der Historiker Yuval Noah Harari zufolge hat sich die Menschheit in den letzten 100 Jahren immer mehr von der Realität entfernt, sogar von Körper und seinen Sinnen. Die Menschen verlieren ihre Fähigkeit, mit sich selbst in Kontakt zu sein, sie konzentrieren immer mehr ihrer Aufmerksamkeit auf Bildschirme. Im 21. Jahrhundert, so Harari, werde es aber um die Kontrolle der Welt in uns gehen (auch mit Hilfe der Technik), was zu einer “internen ökologischen” Katastrophe führen könne.

Zur Veranschaulichung von Hararis Gedanken kann das chinesische „social credit system“ als Beispiel herangezogen werden. Es nutzt die Eigenschaften der Digitalisierung, um die Aktivitäten seiner Bürger zu kontrollieren und zu bewerten. Ähnlich sind im Westen die sozialen Medien und ihre Algorithmen kritisiert worden, weil sie in der Lage sind, ihre Nutzer Innen so zu manipulieren, dass sie immer extremere Inhalte sehen und lesen können. Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass uns genügend Informationen, wissenschaftliche Daten, Presseartikel über den Klimawandel oder andere große Herausforderungen zur Verfügung stehen, dass aber die ständige Auseinandersetzung mit ihnen nicht immer die beabsichtigte Wirkung hat. Im Gegenteil, zu viele Informationen können eine dämpfende Wirkung haben oder sogar zu einer Polarisierung auf gesellschaftlicher Ebene führen.

3.  Eine westliche Denktradition vernachlässigt das Verhältnis zur Natur

Es gibt eine philosophische oder vielleicht eine spirituelle Ursache dafür, dass wir nicht vollständig mit der ökologische Dimension unserer Umwelt in Beziehung stehen. Sie ist die Folge einer Abkopplung der westlichen Denkens von der Natur. Während in der Bibel nicht auf die Erhaltung des Planeten eingegangen und im Gegenteil die Beherrschung der Natur propagiert wird, konzentrieren sich andere philosophische Traditionen wie etwa der Buddhismus oder die Kosmologien indigener Stämme auf die Koexistenz mit nicht-menschliche Lebensformen und auf nicht ausbeuterische Formen des Zusammenlebens der Menschheit mit allen Lebewesen. Dennoch gibt es auch im Westen Versuche, Wissenschaft und spirituelle Traditionen miteinander zu versöhnen, z.B. bei Fritjof Capra.

Wer über einen „sense of place“ verfügt, über die Fähigkeit seine sowohl gebaute wie natürlich Umgebung wahrzunehmen, hat oft auch die Fähigkeit sein Innenleben mit seinem Platz in der Ökologie in Einklang zu bringen. Er oder sie kann verstehen, aber auch emotional erfahren, empfinden und seiner alltäglichen Umgebung einen Sinn geben. Der Designforscher Stuart Walker schlägt vor, dass “Ethik, Tugend und Mitgefühl” wesentliche Bestandteile der Nachhaltigkeit sein müssten. Das Verstehen des eigenen Platzes im Ökosystem führt schliesslich zum Tun – ganz einfach Tätigkeiten wie das Giessen einer Pflanze im Garten an einem heissen Sommertag, die Sorge für die Wildtiere in der eigenen Umgebung, aber auch zu Aktivitäten mit sozialem Charakter wie die Unterstützung der Citizen Science, ziviler Aktionen und Initiativen, der Politik usw.

4.  Vom „Sense of place“ zur „environmental citizenship“

In den vergangenen Jahrzehnten erkannte die westliche Welt an, dass ihre Bürger, Städte, Unternehmen usw. natürliche Ressourcen exzessiv ausbeuten. Man begann etwa den ökologischen Fußabdruck zu messen. Verantwortung für diesen zu übernehmen, ist ein erster Schritt hin zu einer „environmental citizenship“, einer ökologischen Staatsbürgerschaft. Die Verbindung zu seinem Wohnort, seiner Familie, seiner Gemeinde usw. müsste jedoch ein globales Bewusstsein mit einschließen und eine globale Führung fordern, um Lösungen oder einfach nur Maßnahmen in Bezug auf den Klimawandel und andere große Herausforderungen zu entwickeln. Während einige Menschen sich vielleicht dafür entscheiden, aktiv zu werden und sich in lokalen Nachhaltigkeitsinitiativen zu engagieren, möchten andere vielleicht auf persönlicher Ebene handeln.

Für die zwei Kreativitätsforscher Montuori und Donnelly geht eine transformative Führung davon aus, dass jeder führen kann und dass gerade in diesem Moment jeder zu der Welt, in der wir leben, beiträgt und sie sogar mitgestaltet, ob er sich seiner Handlungsfähigkeit bewusst ist oder nicht. Wir brauchen zwar dringend systemische Veränderungen (“Klimagerechtigkeit” ist der Schlachtruf vieler junger Aktivistinnen und Aktivisten), aber jeder und jede kann die Entscheidung treffen, wie er oder sie mobil sein, was er oder sie essen oder wie er oder sie sich kleiden will.

Siehe auch:

Mails, T. E. (1997). The Hopi survival kit: The Prophecies, instructions and warnings revealed by the last elders. Penguin Books USA.

Capra, F. (1977). The Tao of physics: An exploration of the parallels between modern physics and eastern mysticism. Shambala.

Walker, S. (2013). The narrow door to sustainability – from practically useful to spiritually useful artefacts. Intern. Journal Sustainable Design, 2(1), 83–103.

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